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25.03.2009

Nicht nur Krisengewinnler
Allensbach-Analyse

(FAZ.NET, 25.03.2009, Dr. Thomas Petersen). „Phönix unter der Asche“ lautete der Titel eines Allensbacher Monatsberichts von Renate Köcher über die FDP vom 23. November 1994 in der F.A.Z. Dass die Partei wenige Wochen zuvor mit einem Zweitstimmenergebnis von 6,9 Prozent in den Bundestag eingezogen war, wurde damals von vielen Beobachtern als Überraschung empfunden. Eine Mehrheit der Bevölkerung von 51 Prozent war zuvor der Ansicht gewesen, die Freien Demokraten würden die Fünf-Prozent-Hürde nicht überwinden können. 50 Prozent antworteten auf die Frage „Glauben Sie, wir brauchen in Deutschland die FDP, oder geht es auch ohne?“, es gehe auch ohne sie. Auch nach der Wahl schien es für viele nur eine Frage der Zeit zu sein, bis sich die FDP endgültig aus dem Kreis der wichtigen Parteien verabschieden würde. 50 Prozent erwarteten, dass die Partei in den kommenden Jahren weiter an Bedeutung verlieren werde.

Von dieser Lage ist die FDP heute so weit entfernt, dass das Bild des Vogels Phönix, der verbrennt, um aus seiner Asche neu zu erstehen, durchaus angemessen erscheint. Die Freien Demokraten können heute auf Zustimmungsraten verweisen wie seit den fünfziger Jahren nicht mehr. Das ist auch deswegen erstaunlich, weil die gegenwärtige Wirtschaftskrise in weiten Teilen der Öffentlichkeit als ein Versagen der Wirtschaft wahrgenommen wird, für die sich die FDP besonders einsetzt.

Von der Union nicht mehr ausreichend vertreten

Über die Gründe dafür gab es in den letzten Monaten viele Mutmaßungen. Es trifft zu, dass der FDP der Umstand nützt, dass viele nach wirtschaftlicher Freiheit strebende Wähler sich von der in eine große Koalition eingebundenen CDU/CSU nicht mehr ausreichend vertreten fühlen. Das Unbehagen an den sich ausweitenden staatlichen Kontrollen vieler Lebensbereiche kommt hinzu. Das zeigt sich an den Ergebnissen der jüngsten Allensbacher Repräsentativumfrage im Auftrag der F.A.Z. So wurden die Befragten gebeten, verschiedene politische Ziele entweder der CDU/CSU oder der FDP zuzuordnen, je nachdem, welche der Parteien sich mehr um das jeweilige Thema kümmere.

Das Ziel „Die Marktwirtschaft verteidigen“ sahen 23 Prozent der Befragten bei der FDP, 19 Prozent bei der CDU besser aufgehoben. 19 Prozent meinten, die FDP kümmere sich mehr darum, dass die Staatsverschuldung nicht weiter steigt, 15 Prozent schrieben das der Union zu. Bei den Zielen „Dass die Belastungen durch Steuern und Abgaben nicht weiter steigen“und „Dafür sorgen, dass die Freiheit der Bürger geschützt wird“ beträgt das Verhältnis zugunsten der FDP 28 zu 11 beziehungsweise 23 zu 13 Prozent. Dazu sei vermerkt, dass umgekehrt das Ziel „Gute Außenpolitik machen“ von 38 Prozent der Bürger bei der CDU/CSU und nur von 6 Prozent bei der FDP angesiedelt wird. Hier hat sich das frühere Ansehen der Freien Demokraten in den Jahren der Opposition verflüchtigt.

Steuern steigen eher unter der FDP weniger

Bemerkenswert ist nun, dass die Anhänger der CDU/CSU selbst nur graduell, nicht aber grundsätzlich anders urteilen als die Bevölkerung insgesamt. Auch sie sehen das Ziel, die Steuern nicht weiter steigen zu lassen, und die Verteidigung der bürgerlichen Freiheiten eher bei der FDP als bei der eigenen Partei gut aufgehoben. Bei den Aussagen „Die Marktwirtschaft verteidigen“ und „Dafür sorgen, dass die Staatsverschuldung nicht weiter steigt“ gestehen sie der Union nur einen geringen Vorsprung von 3 beziehungsweise 4 Prozentpunkten zu.

Dennoch lässt sich die derzeitige Stärke der FDP durch die große Koalition der Union mit der SPD und die Wirtschaftspolitik der CDU/CSU allein nicht ausreichend erklären. Es kommt hinzu, dass - fast unbemerkt von der Öffentlichkeit und zum Teil überdeckt von tagespolitisch bedingten Schwankungen - die Freien Demokraten seit rund einem Jahrzehnt langsam, aber beständig an Rückhalt in der Wählerschaft gewonnen haben. Dem liegen wahrscheinlich grundsätzliche Verschiebungen in der Werteorientierung der Bevölkerung zugrunde.

Für zehn Prozent die sympathischste Partei

Wie sehr sich die Lage der FDP seit den neunziger Jahren verändert hat, ist am deutlichsten am Stamm- und Randanhängerpotential der Partei zu erkennen. Seit den frühen achtziger Jahren klaffte meistens eine erhebliche Lücke zwischen der Zahl derjenigen, die der FDP ihre Stimme geben wollten, und der Zahl derer, die sie als die sympathischste Partei empfanden. Viele FDP-Wähler waren eher Anhänger der Unionsparteien, die der FDP aus taktischen Gründen ihre Zweitstimme gaben. Das Stammwählerpotential war in den neunziger Jahren fast auf null geschrumpft: Etwa ein Prozent der Bevölkerung sagte 1995, die FDP sei für sie die sympathischste Partei, und es komme auch keine andere Partei für sie in Frage. Weitere 3 Prozent nannten die FDP als sympathischste Partei, konnten sich aber auch vorstellen, eine andere Partei zu wählen.

Bei der ersten Gruppe spricht man von „Stamm-“, bei der zweiten von „Randanhängern“. Heute liegt das Stammanhängerpotential der FDP immerhin bei 4, das der Randanhänger bei 7 Prozent. Der Anteil derjenigen, die die FDP als die sympathischste Partei bezeichnen, ist damit zum ersten Mal seit Ende der siebziger Jahre auf über 10 Prozent gestiegen. Das „strategische Potential“, also der weiteste Kreis derer, die für die FDP theoretisch erreichbar sind, hat sich seit dem Jahr 1995 von 12 auf 26 Prozent mehr als verdoppelt - dieses weiteste Potential wird allerdings von keiner Partei ausgeschöpft. Damit hat sich auch die Kluft zwischen der Zahl derer, die die FDP aus sachlicher Überzeugung wählen, und der Zahl der taktischen Wähler deutlich verringert. Die FDP wird wieder mehr um ihrer selbst willen gewählt als noch vor wenigen Jahren.

Dementsprechend wird die FDP heute auch nur noch von einer Minderheit als überflüssig angesehen. Auf die bereits erwähnte Frage „Glauben Sie, wir brauchen in Deutschland die FDP, oder geht es auch ohne?“ antwortet heute eine relative Mehrheit von 39 Prozent, die FDP sei unentbehrlich. Lediglich 34 Prozent sagen heute noch, es ginge auch ohne sie.

Für mehr als die Hälfte eine einige Partei

Zu der Anmutung der Stärke trägt auch der Umstand bei, dass die FDP zurzeit als geschlossene Formation wahrgenommen wird. Auf die Frage „Glauben Sie, dass die FDP im Großen und Ganzen einig oder zerstritten ist?“ antworten jetzt 54 Prozent, sie sei einig, nur 6 Prozent meinen, „zerstritten“, der Rest ist unentschieden. Nun ist der Eindruck der Geschlossenheit für Volksparteien wichtiger als für kleine Parteien wie die FDP, doch dass eine absolute Mehrheit die Partei als einig wahrnimmt, ist ein hoher Wert, vor allem für eine Partei, der fast schon traditionell der Ruf der Zerstrittenheit anhaftete. Zum Vergleich: Die Grünen werden zurzeit von 28 Prozent als einig wahrgenommen.

Es ist wahrscheinlich kein Zufall, dass der allmähliche Aufstieg der FDP seit Mitte der neunziger Jahre einhergeht mit der Renaissance einiger bürgerlicher Tugenden, die zwischenzeitlich an Bedeutung verloren hatten. Vor allem ist eine Zunahme der Leistungsorientierung zu beobachten: Dass es im Leben wichtig ist, etwas zu leisten, es zu etwas zu bringen, meinten im Jahr 1974 55 Prozent der Bevölkerung, 1990 waren es noch 38 Prozent, 2006 war der Anteil wieder auf 51 Prozent gestiegen. Ähnliches zeigen die Antworten auf die Frage, ob man es für besonders wichtig halte, Kinder dazu zu erziehen, dass sie ihre Arbeit ordentlich und gewissenhaft tun.

In Zeiten der Krise Besinnung auf die eigenen Kräfte

Die gewachsene Bedeutung des Leistungsgedankens in der Bevölkerung ist deswegen für das Verständnis der FDP von Interesse, weil er eng mit dem Menschenbild verknüpft ist, das dem Gedankengut der Freien Demokraten zugrunde liegt. Nur wer annimmt, dass die Menschen in der Mehrheit in der Lage sind, ihr Leben selbst zu meistern, wird sich diesen Prinzipien zuwenden. Wer dagegen der Ansicht ist, dass die meisten Menschen weitgehend wehrlos ihren Lebensbedingungen ausgeliefert sind, wird auf einen stark ins Leben der Menschen eingreifenden, umverteilenden Staat hoffen. Diese beiden Positionen werden in den Allensbacher Umfragen mit der folgenden Frage erfasst: „Zwei Männer unterhalten sich über das Leben. Der eine sagt: ,Jeder ist seines Glückes Schmied. Wer sich heute wirklich anstrengt, kann es auch zu etwas bringen.'

Der andere sagt: ,Tatsächlich ist es so, dass die einen oben sind, und die anderen sind unten und kommen bei den heutigen Verhältnissen auch nicht hoch, sosehr sie sich auch anstrengen.' Was würden Sie persönlich sagen: Wer von beiden hat eher recht, der Erste oder der Zweite?“ Im März 2009 schlossen sich 47 Prozent der Befragten der Ansicht „Jeder ist seines Glückes Schmied“ an. Das ist ein im Vergleich zu früheren Jahren vergleichsweise hoher, wenn auch nicht auffällig hoher Wert. Dagegen ist der Anteil derjenigen, die ausdrücklich die Gegenposition vertreten, mit 28 Prozent auf den niedrigsten Wert seit der deutschen Einheit gesunken. Anscheinend besinnt sich die Bevölkerung in Zeiten der Krise mehr als in guten Jahren auf die eigenen Kräfte. Die FDP profitiert davon mehr als die Unionsparteien, deren Grundwerte - allen voran die christlichen - nicht in ähnlichem Maße an Bedeutung zurückgewonnen haben.

So erscheint die jüngste Kräfteverschiebung im bürgerlichen Lager zugunsten der FDP vor dem Hintergrund der gesellschaftlichen Werteverschiebungen folgerichtig zu sein, wenn die Entwicklung auch durch die tagesaktuellen Ereignisse wahrscheinlich überzeichnet wird. Ob die FDP bei der Bundestagswahl im September tatsächlich so stark abschneidet, wie es zurzeit den Anschein hat, sei dahingestellt. Doch es besteht kein Zweifel daran, dass das Fundament der Partei breiter geworden ist.


(c) 1999 FDP-Kreisverband Worms