Haushaltsrede
von Professor Dr. Norbert T. Varnholt vom 13.12.2006
1. Planungsprozess
Herr Oberbürgermeister Kissel wies in
den Planungsgesprächen darauf hin, dass sein Sparwillen allein schon
daran erkennbar sei, dass der Finanzmittelfehlbedarf der Stadt Worms
nicht noch größer ist. Denn die Bedarfsanmeldungen der einzelnen
Bereiche und Kostenstellen seien sehr viel höher gewesen als die Zahlen,
die dann im Haushaltsplanentwurf vorgelegt wurden. Dass die
Bedarfsanmeldungen höher waren als die nunmehr in den Haushalt
eingeflossenen, glaube ich gerne. Dass sich daran alleine ein Sparwillen
festmachen lässt, glaube ich nicht.
Es ist ein in der Wirtschaft wie auch
in der Verwaltung übliches, althergebrachtes und traditionsreiches
Verfahren in der Planung einen hohen Finanzmittelbedarf anzumelden, weil
man weiß, dass dieser in den späteren Planungsrunden ohnehin gekappt und
zurückgestutzt wird. Es handelt sich also schlicht um das normale
Verhalten von Kostenstellenleitern in der ganzen Welt, und es wäre
durchaus verwunderlich, wenn dieses in der Stadt Worms nicht auch
gegeben wäre. Dass die Planungsgespräche trotz der allen Beteiligten
bekannten Puffer und Reserven anstrengend und zeitaufwändig sind, wird
von uns anerkannt. Wenn man aber die später noch anzusprechende
katastrophale Verschuldung der Stadt Worms sieht, reicht das normale
bzw. planungsprozessübliche Wegverhandeln der Puffer nicht aus. Das
Herunterhandeln der Bedarfsanmeldungen der Kostenstellenleiter ist eine
notwendige, aber keine hinreichende Sparmaßnahme des Oberbürgermeisters.
2. Realistischeres „Optimistisches
Szenario“ statt „Sehr optimistisches Szenario“
Im Vorbericht des uns vorliegenden
Haushalts 2007 wird im Kapitel „Ergebnishaushalt“ freimütig von
„optimistischen Steuerschätzungen“ gesprochen. Optimistisch ist jedoch
noch vorsichtig ausgedrückt, wenn man errechnet, dass die Steuern im
Fünfjahreszeitraum von 2005 bis 2010 um 30% steigen sollen. Diese
Steigerung resultiert aus jährlichen Steigerungsprozentsätzen zwischen
8% und 3%. Wohl gemerkt ist hiermit nicht die Umsatzsteuersteigerung
gemeint, denn diese kommt den Kommunen nicht zugute. Die Steigerung
resultiert im Wesentlichen aus der Gewerbesteuer und dem Gemeindeanteil
an der Einkommensteuer. Auch wenn diese Zahlen vom Arbeitskreis
Steuerschätzung des Bundesfinanzministeriums, regionalisiert durch das
Landesfinanzministerium RLP stammen, so haben Steuerschätzungen doch vor
allem zwei Eigenschaften:
Erstens: Sie sind ungenau und volatil
und berücksichtigen oft nicht in ausreichendem Maße konjunkturelle und
weltpolitische Einflüsse wie zum Beispiel einen Wiederanstieg des
Ölpreises, der Zinsen oder konjunkturelle Abschwächung in wichtigen
Exportmärkten Deutschlands.
Zweitens: Steuerschätzungen sind keine
objektive Wissenschaft sondern immer auch politische Schätzungen die
Optimismus verbreiten, oder antizipierte Erfolgsmeldungen der
Regierungsparteien darstellen. Ich habe die „sehr optimistischen“
Steuerschätzungen für die Stadt Worms in eine „optimistische“
Steuerschätzung umgewandelt, bin von durchschnittlichen jährlichen
Steigerungsraten von 3% ausgegangen und liege damit im Jahre 2010 immer
noch bei beachtlichen 72, 6 Millionen € Steuereinnahmen. Dies sind
allerdings 6 Millionen weniger als im vorliegenden Finanzplan. Dieses
Risiko muss zumindest zur Kenntnis genommen werden, sonst hieße es, sich
ganz auf das Prinzip „rosarote Brille“ zu stützen.
Eine weitere „sehr optimistische“
Annahme findet sich im Finanzplan in der Zeile „Auszahlungen der
sozialen Sicherung“. Nach einem deutlichen Anstieg vom Haushaltsjahr
2005 auf 2006 wird dann 2007 mit einem leichten Rückgang gerechnet und
die Planzahl des Jahres 2007: 51.777.500 € wird bis zum Jahre 2010
konstant gehalten. Das heißt, im gesamten Vierjahreszeitraum von 2007
bis 2010 wird mit keinerlei Steigerungen der Sozialausgaben gerechnet.
Ich habe für die Jahre 2008 bis 2010 zumindest eine angenommene
Inflationsrate von 2,5% auf die Sozialausgaben geplant und liege dann im
Jahre 2010 bei 52.400.000 €, also rund eine Million € über dem
eingefrorenen und unrealistischen Planwert von 56.000.000 €.
Eine wiederum sehr optimistische
Annahme findet sich im Finanzplan in der Zeile „Zins- und
Finanzaufwendungen“. Ich habe bei meiner Analyse die bereinigten Zins-
und Finanzaufwendungen herangezogen, die alleine aus den
Finanzauszahlungen an Banken, Sparkassen und Eigenbetriebe resultieren
und diese zu dem durchschnittlichen Kreditvolumen der Jahre 2006 bis
2010 ins Verhältnis gesetzt. Herausgekommen sind sehr moderate
durchschnittliche Zinssätze von 2,2% im Jahre 2006 über einen Höchstsatz
von 3,25% im Jahr 2008, der dann bis zum Jahre 2010 wieder auf einen
Zinssatz von 3,0% fällt. Auch bei derartigen moderaten Zinssätzen
steigen die gesamten Zinsaufwendungen vom Jahre 2005 auf das Jahr 2010
um 260% das heißt von 2.850.000 € auf 7.500.000 €. Da die Verschuldung
alleine im Laufe des Jahres 2010 gemäß vorliegendem Finanzplan um
26.600.000 € ansteigt, habe ich für die durchschnittliche Verschuldung
in den einzelnen Haushaltsjahren nicht den Stand zum jeweiligen 31.12.
genommen, sondern den Mittelwert zwischen dem Stand am 01.01 und dem
Stand am 31.12. Wenn man auf das durchschnittliche Kreditvolumen der
Haushaltsjahre 2007 bis 2010 marktgerechtere Zinssätze von 4% im Jahr
2007 bis zu 5,5% im Jahre 2010 rechnet, so ergibt sich für das
jahresdurchschnittliche Kreditvolumen im Jahre 2010 von 245.000.000 €
eine Zinslast von 13, 5 Millionen €.
Rechnet man alle drei thematisierten
wesentlichen Haushaltsrisiken im Rahmen eines realistischeren aber immer
noch „optimistischen Szenarios“ auf die durchschnittliche Verschuldung
des Jahres 2010 von 245 Millionen €, so ergibt sich eine Verschuldung
der Stadt Worms im Jahre 2010 von 282.000.000
Eine dritte, in der Wirtschaft übliche
Planungsvariante für ein wirklich „schlechtes Szenario“ mit deutlich
unter der Steuerschätzung liegenden Steuereinnahmen, deutlich steigenden
Sozialausgaben und deutlich steigenden Zinsen, würde entsprechend zu
einem noch katastrophaleren Ergebnis in der Nähe einer Verschuldung von
300 Mio Euro führen.
Wohlgemerkt handelt es sich bei dieser
Analyse nur um die Schulden des „eigentlichen“ städtischen Haushalts.
Die Schulden der städtischen GmbH’s sind noch nicht berücksichtigt und
müssten noch hinzuaddiert werden.
ADD
Die absehbar katastrophale
Haushaltsentwicklung der Stadt Worms hätte eigentlich bereits seit den
letzten 13 Jahren, in denen kein ausgeglichener Haushalt mehr vorliegt,
spätestens aber im November/ Dezember 2004 und 2005 zu entsprechenden
Einsparungsbeschlüssen des Haupt- und Finanzausschusses und des
Stadtrates führen müssen, da wir die entsprechenden Anträge zusammen mit
dem Wormser Bürgerforum und der FWG stellten. Da dies überhaupt nicht
geschehen ist, hat die Aufsichts- und Dienstleistungsdirektion Trier
diese Aufgabe zu einem kleinen Teil erfüllt. Sie trug dem Stadtvorstand
auf, im Verwaltungshaushalt des Jahres 2006 Einsparungen von mindestens
300.000 € zu erwirtschaften, was auch geschehen ist. Ähnliche
Einsparungsvorschriften sind von der ADD auch für das Haushaltsjahr 2007
zu erwarten. Aufgrund meiner obigen Ausführungen zur Psychologie des
Planungsprozesses könnten wir nun als Haupt und Finanzausschuss und
Stadtrat Kostenstellenleiter spielen und bewusst einige Puffer im
Haushalt versteckt lassen, damit die ADD etwas zu streichen hat. Dies
würde allerdings bereits an schwarzen Humor grenzen.
Bund und Land
Im Vorbericht des vorliegenden
Haushalts 2007 findet sich der Satz: "…ohne fremde Hilfe von Bund und
Land wird die Stadt Worms aus eigener Kraft nicht in der Lage sein, die
wirtschaftliche Schieflage zu korrigieren."
Abgesehen davon, dass die Hoffnung auf
Hilfe von Oben eher in den Bereich des Religiösen gehört, muss man sich
doch die Frage stellen, wer denn Bund und Land aus ihrer jeweiligen
wirtschaftlichen Schieflage befreien sollte. Die Absicht der ehemaligen
sozialliberalen Landesregierung, die Nettoneuverschuldung auf Null
herunter zu fahren und das daran anschließende beabsichtigte
Entschuldungskonzept für das Land Rheinland-Pfalz gehören offensichtlich
längst zur Haushaltsgeschichte unseres Landes. Jedenfalls spricht davon
in der Mainzer Landesregierung heute keiner mehr. Auch der Bund steigert
die Nettoneuverschuldung, bricht ein Maastricht-Kriterium nach dem
anderen und beschenkt sich selbst mit dem Danaer-Geschenk der
Umsatzsteuererhöhung. Unter diesen Rahmenbedingungen kann man von einer
Gemeindefinanzreform, auf die einige wie das Kaninchen auf die Schlange
schielen, keine Entlastung der Kommunen, sondern eher eine weitere
Belastung der Kommunen erwarten.
Die FDP-Fraktion wird dem Haushalt 2007
nicht zustimmen.
Prof. Dr. Norbert T. Varnholt
-Fraktionsvorsitzender-
Worms 13.12.2006
[Pressestimmen zum Haushalt] [Kommunale Haushaltskatastrophe (PPT)]
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